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Kreislaufwirtschaft: Innovationen besser aufeinander abstimmen

Welchen Beitrag kann die Kreislaufwirtschaft zur Lösung drängender Umweltherausforderungen leisten? Ein Interview dazu mit Prof. Dr.-Ing. Vera Susanne Rotter, Leiterin des Fachgebietes Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie an der Technischen Universität (TU) Berlin und Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung für Umweltfragen.

Foto Prof. Dr.-Ing. Vera Susanne Rotter
© Himsel

IFAT | Frau Prof. Rotter, wie definieren Sie Kreislaufwirtschaft?

Rotter | Ich verstehe unter Kreislaufwirtschaft eine Ökonomie, die ähnlich der Natur mit begrenzten Rohstoffen wirtschaftet. Das ist nicht mit einem Perpetuum Mobile zu verwechseln. Denn je mehr Stoffe wir in den Kreislauf führen, desto mehr Energie wird dafür benötigt. In der Praxis sind wir noch ein ganzes Stück von einer Kreislaufwirtschaft entfernt.

IFAT | Was sind die drängendsten Umweltherausforderungen unserer Zeit?

Rotter | In Politik und Medien steht der Klimaschutz derzeit an erster Stelle. Und das ist richtig so. Abgesehen davon aber ist unser ökologischer Fußabdruck insgesamt zu hoch. Der Stoffumsatz beispielsweise in der Landwirtschaft führt zu globalen Umweltbelastungen, für die es lokale Lösungen braucht. Anders als bisher lassen sich diese Probleme nicht mehr mit punktuell eingesetzten Umwelttechnologien lösen. Vielmehr sind Systemlösungen gefragt, die in die Ökonomie eingebettet sind. Klimaschutz auf Kosten der Artenvielfalt zu praktizieren, wäre nicht zielführend.

IFAT | Welchen Beitrag kann die Kreislaufwirtschaft hier leisten?

Rotter | Es zeichnen sich drei Bereiche ab, zum einen die Nahrungsmittelproduktion. Dort gilt es, Abfälle deutlich zu reduzieren, Nährstoffe im Kreis zu führen und die Qualität der Böden zu verbessern. Beim Recycling kann die Kreislaufwirtschaft dazu beitragen, Primärrohstoffe durch umweltfreundliche Sekundärrohstoffe zu ersetzen. Und für die derzeit sehr rohstoffintensiven Klimaschutztechnologien brauchen wir konsequentes Ökodesign und höhere Recyclingquoten.

IFAT | Welche Stoffströme sind für die Kreislaufwirtschaft aktuell von besonderer Bedeutung?

Rotter | Die Standardisierung von Kunststoffen und der Verzicht auf schädliche Additive würden helfen, die Recyclingfähigkeit dieser Stoffe zu verbessern. Gleichzeitig sollten Kunststoffe möglichst trennfähig in Produkten verbaut werden. Langfristig aber muss die Kunststoffproduktion auf alternativen Rohstoffen wie synthetischem Erdöl basieren. Das macht den Rohstoff teurer und das Recycling lukrativer.

IFAT | Wie sieht es im Gebäudebereich aus?

Rotter | Dieser Sektor bietet ebenfalls ein großes Potenzial für Systemlösungen. Zukünftig müsste es bei der Entsorgung nicht mehr so sehr um klassischen Bauschutt gehen, sondern um funktionale Baueinheiten wie beispielsweise Bauwände, die wiederverwendet werden können. Der Einsatz rückbaufähiger Teile bei der Gebäudeplanung ist einer späteren aufwendigen Sortierung auf alle Fälle vorzuziehen.

IFAT | Wo steht die Kreislaufwirtschaft heute?

Rotter | Auf Produktseite besteht eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So achten die Produktdesigner häufig mehr auf Funktionalität als auf Recyclingfreundlichkeit. Die Abfallwirtschaft ist oft noch zu abgekoppelt von der Herstellung. Bei der Materialentwicklung für Verpackungen hingegen passiert derzeit viel. Die Innovationen sind zahlreich, jedoch leider kaum aufeinander abgestimmt. So hat zum Beispiel jede Supermarktkette ihre eigene Lösung.

IFAT | Was tut sich speziell in der Recyclingbranche?

Rotter | Die Recyclingunternehmen setzen immer mehr sensorbasierte Systeme zur Erkennung und Sortierung ein. Und es werden selbstlernende Systeme entwickelt, die sich an die jeweiligen Stoffströme anpassen. In Forschung und Entwicklung wird zwar viel getan, aber es fehlt an verlässlichen Rahmenbedingungen für die Investition in neue Technologien.

IFAT | Welche Technologien werden die Kreislaufwirtschaft in Zukunft prägen?

Rotter | Ein wichtiger Bereich ist der Einsatz digitaler Informationsweitergabe und -verarbeitung. Hardwaretechnologien sind hier schon weit entwickelt. Für die Herstellung von Produkten gilt es, Informationen über deren Materialzusammensetzung zu erhalten – ferner über Wiederverwendbarkeit, Reparatur- sowie Recyclingfähigkeit der Produkte, und zwar über den gesamten Lebensweg hinweg.

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